Intersektionalität
Intersektionalität bedeutet, dass verschiedene Formen von Benachteiligung gleichzeitig wirken können – zum Beispiel aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Sprache, Behinderung, Religion oder sozialer Lage. Diese Merkmale beeinflussen, wie Menschen behandelt werden, welche Chancen sie haben und ob sie Diskriminierung erleben. Intersektionalität ist Regel, nicht Ausnahme. Der Begriff kommt von Kimberlé Crenshaw aus der Schwarzen feministischen Bewegung.
Kinder bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit. Einige erleben kaum Barrieren, zum Beispiel weil sie aus wohlhabenden, akademischen Familien kommen, weiss sind, cis-geschlechtlich leben und keine Behinderung haben. Andere erfahren mehrere Nachteile gleichzeitig; etwa durch Armut, eine Lernschwierigkeit oder weil sie ein Kopftuch tragen oder queer sind. Schulen gehen oft von einer bestimmten «Normalität» aus. Kinder, die mehrfach benachteiligt sind, erleben deshalb häufiger Diskriminierung. Das verschlechtert ihre psychische Gesundheit und ihre Bildungschancen. Zwei Beispiele für Intersektionalität: Ein Kind dessen Eltern wenig Geld und nicht studiert haben, kann zum Beispiel gleichzeitig aufgrund seiner finanziellen Lage und dem abgewerteten Bildungshintergrund der Eltern – also auf zwei Ebenen – klassistische Erfahrungen machen. Ein Mädchen of Color mit einer Sehbehinderung kann zum Beispiel gleichzeitig sexistische, rassistische und ableistische Erfahrungen machen.
In Schule und Alltag bedeutet das: Die Mehrfachbelastungen von einzelnen Kindern wird häufig übersehen, dafür werden sie öfter kritisiert oder erhalten weniger Förderung. Es sind aber genau die Kinder, die besondere Aufmerksamkeit und Schutz von der Schule benötigen. Denn in ihrer extremen Form führt Mehrfachdiskriminierung zu sozialem Ausschluss, Armut, psychischem Stress, erhöhtem Risiko für Gewalterfahrungen und einer kürzeren Lebenserwartung.
Intersektionale Pädagogik unterstützt Lehrpersonen dabei, Vielfalt zu sehen, (Mehrfach-)Diskriminierung zu erkennen und entsprechend zu handeln, sowie Unterricht so zu gestalten, dass alle Kinder gute Lernmöglichkeiten und Entwicklungschancen haben, ohne sie auf einzelne Merkmale zu reduzieren. Intersektionale Pädagogik bietet Kindern Schutz und kann auf vielen Ebenen ansetzen zum Beispiel bei Wissen, Reflexion & Diskurs, Repräsentation oder Exploration.
Beispiele für intersektionale Pädagogik:
Sprache: Die Lehrperson weiss, dass Kinder verschiedene Sprachen sprechen. Deshalb gibt sie Aufgaben, die ein Kind auf verschiedene Arten lösen kann – zum Beispiel mit Bildern, gestalterisch, mündlich oder schriftlich. (Wissen und Exploration)
Familienformen: Bei Büchern oder Beispielen achtet die Lehrperson darauf, dass verschiedene Familienformen vorkommen – ohne sie zu werten. (Repräsentation)
Inklusion: Ein Kind trägt ein Hörgerät. Die Lehrperson individualisiert den Unterricht, spricht langsamer, nutzt Bilder und sorgt dafür, dass alle gut folgen können. (Wissen und Reflexion & Diskurs)
Interessen und Fähigkeiten: In Gruppenarbeiten bekommen die Kinder Aufgaben, die zu ihren Stärken passen – analytisch, kreativ, motorisch –, ohne diese Stärken bestimmten Gruppen zuzuschreiben oder zu werten. (Exploration)
Herkunft: Die Lehrperson achtet darauf, dass in Bildern, Büchern und Lernmaterialien Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben selbstverständlich und wertschätzend dargestellt sind – ohne dies besonders zu thematisieren oder zu werten. So wird Vielfalt selbstverständlich sichtbar. (Repräsentation)
Finanzielle Lage: Die Schule hat verschiedene Möglichkeiten, Kinder bzw. Erziehungsberechtigte mit finanziellen Schwierigkeiten zu unterstützen. Die Unterstützungsangebote werden sichtbar, zugänglich und mit Selbstverständlichkeit kommuniziert. (Wissen und Reflexion & Diskurs)
Mehr zu Intersektionalität und Schule (Quellen):
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Walgenbach, K. (2012): Intersektionalität als Analyseperspektive heterogener Stadträume. In: Scambor, Zimmer (Hg.): Die intersektionelle Sadt. Geschlechterforschung und Medien an den Achsen der Ungleichheiten. Bielefeld.