Intersektionale Pädagogik
Intersektionale Pädagogik bedeutet, Unterschiede zwischen Menschen als Teil einer normalen Vielfalt zu verstehen. Die Forschung zu Intersektionalität zeigt, dass die Gesellschaft bestimmte Unterschiede macht – etwa Schwarz/weiss, Frau/Mann, behindert/nichtbehindert oder «Inländer*in»/«Ausländer*in». Eine Seite dieser Unterscheidungen wird meist als «normal» angesehen, während die andere als Abweichung erscheint. Dadurch entstehen soziale Hierarchien und Machtverhältnisse.
Wenn Schule dennoch von einem «Norm-Kind» - meist weiss, cis-geschlechtlich, ohne Behinderung und privilegiert - ausgeht, entstehen Benachteiligungen bzw. Diskriminierungen. Etwa durch falsche Erwartungen, stereotype Materialien, ungleiche Förderung oder Mobbing. In der Schule zeigt sich das Fehlen intersektionaler Pädagogik oft unbewusst. Manche Kinder werden schneller ermahnt, ihnen wird weniger zugetraut, ihnen wird der Zugang zu Bildung und Kultur erschwert oder ihre Lebensrealität taucht in Lernmaterialien oder der Organisation der Schule gar nicht auf. Das wirkt sich negativ auf Lernfreude, Zugehörigkeit, Bildungschancen und soziale Gerechtigkeit aus.
Intersektionale Pädagogik versteht das Zusammenspiel von verschiedenen Formen von Diskriminierung und seine Auswirkung auf das psychische Wohlbefinden von Kindern, Bildungserfolg und soziale Teilhabe. Sie erkennt diskriminierende Strukturen in Schule sowie Alltag und setzt diesen bewusst etwas entgegen. Intersektionale Pädagogik verfolgt das Ziel, allen Kindern unabhängig von Geschlecht, Queerness, Behinderung, sozialer und kultureller Herkunft so zu begegnen, dass sie sich in der Schule wohl und aufgehoben fühlen sowie ihr Potenzial entfalten können. Sie bietet Kindern letztlich Schutz vor Diskriminierung und kann auf vielen Ebenen ansetzen zum Beispiel bei Wissen, Reflexion, Diskurs, Repräsentation oder Exploration.
Nun werden die Ebenen für intersektionale Pädagogik kurz erklärt – einige Punkte richten sich in erster Linie an Schulleitungen und Lehrpersonen, andere eignen sich für den Schulunterricht:
1. Wissen: Wissen erlangen durch Expert*innen
Macht der Sprache, Queerness, Neurodivergenz, Othering, Habitus
Vielfalt, Intersektionalität, soziale Gerechtigkeit, Diskriminierung, Mobbing, etc.
Struktureller Rassismus, Sexismus, Ableismus, Klassismus, etc.
Psychische Gesundheit, sozial-ökologische Resilienz, etc.
2. Reflexion: Angelernte Denksysteme und Privilegien hinterfragen
Cis-Heteronormativität, Eurozentrismus, Meritokratie, Normalität etc.
Interesse und Offenheit für Vielfalt
Eigene Position innerhalb der Gesellschaft reflektieren
Eigene Stereotypen und Vorurteile erkennen
Faire Erwartungen gegenüber allen Kindern
3. Diskurs: Kreieren inklusiver und partizipativer Räume
Zugänge ermöglichen, z. B. durch Barrierefreiheit, Schüler*innenpodium etc.
Offener, aber wertschätzender Diskurs
Diskriminierung vs. Toleranz ausloten
Fehler- und Feedbackkultur üben
Einschreiten bei Ausschlüssen und diskriminierenden Aussagen, Handlungen
4. Repräsentation: Vielfalt sichtbar machen
Inklusive Sprach-, Bild- und Text-, Medienwahl und Innenausstattung
Vielfältige Vertretung in der Schulleitung, im Kollegium, Elternrat und Schulpersonal
Diskriminierungssensibles Auftreten und Haltung in der pädagogischen Beziehung
Sichtbarmachen und Bearbeiten von gesellschaftlichen Machtasymmetrien
5. Exploration: Kreieren von Erkundungsmomenten
Ungewohnte Lebensrealitäten entdecken und erleben
(Spielerisches) Ausprobieren von Unterwanderung und Neuerfindung gesellschaftlicher Normen
Eigene Fähigkeiten entdecken und ausprobieren
Wie sieht Unterricht gestützt auf intersektionaler Pädagogik aus?
Unterricht gestützt auf intersektionaler Pädagogik anerkennt, dass Kinder unterschiedlich lernen, vielfältige Ressourcen mitbringen und sich in verschiedenen Lebenswelten bewegen. Er passt Methoden, Inhalte und Materialien so an, dass alle Kinder teilnehmen können und sich im Unterricht wiederfinden.
Mehrere Zugänge ermöglichen: visuell, auditiv, praktisch, sprachunterstützend, in unterschiedlichem Tempo.
Vielfalt abbilden: Inklusive Sprache, Beispiele, Bilder und Texte zeigen verschiedene Familienformen, Körper, Sprachen und Lebensrealitäten.
Transparente Bewertung: Leistungen werden unabhängig von Herkunft, Sprache oder Elternengagement bewertet.
Sichere Lernräume schaffen: Fehler sind erlaubt, Fragen willkommen, Diskriminierung wird klar benannt.
Perspektiven erweitern: Unterricht zeigt nicht nur Mehrheitsnormen, sondern vielfältige Sichtweisen – das Erkunden wird ermutigt.
Quellen:
Abdul-Hussain, Surur & Hofmann, Roswitha (2013). Diversitätskompetenz.
Bartsch, A. & Wedl, J. (2015). Teaching Gender? Zum reflektierten Umgang mit Geschlecht im Schulunterricht und in der Lehramtsausbildung. Bielefeld: Transkript Verlag.
Lisi, Sabrina (2022). INGE K. macht Schluss mit Sexismus & Co. In: Miglbauer, M.(Ed.), Lehre 2022: Was geht? Was bleibt? Tagungsband zur 5. Online-Tagung Hochschule digital.innovativ
Lisi, Sabrina (2025). Schule als Safe Space? Diversitätskompetenz fördert Resilienz durch das Programm INGE K. Sammelband Genderkompetenz in der Ausbildung von Lehrkräften
Ungar, Michael (Ed.). (2011). The social ecology of resilience: A handbook of theory and practice. Springer Science & Business Media.